Es gibt mehrere Annahmen über Trauer, die in unserer Gesellschaft tief verankert, aber falsch sind. Falsche Annahmen können zu falschen Erwartungen führen – und Betroffene unter Druck setzen. Es geht dabei um gelungene Trauerarbeit, die Phasen der Trauer oder auch die Verdrängung von Gefühlen. Trauer ist jedoch vor allem eins: individuell. Viele Erwartungen sind völlig fehl am Platz und verstärken die Verunsicherung sowohl auf Seiten der Betroffenen als auch der Außenstehenden. In diesem Beitrag erfährst du, welches die 5 größten Irrtümer über Trauer sind.

Irrtum 1: Zu Trauer gehören Schmerz, Leid oder Kummer. 

Die emotionalen Reaktionen auf einen Verlust sind so unterschiedlich wie die Menschen, die von ihm betroffen sind. Nicht immer ist ein Verlust mit enormem Leid, Kummer oder Schmerz verbunden. Es gibt viele Hinterbliebene, die recht schnell wieder positive Gefühle, darunter etwa Freude, Liebe, Erleichterung oder Dankbarkeit, empfinden – auch sie gehören zu den Trauergefühlen. Zudem hat die Trauerforschung (Quellen am Ende des Artikels) herausgefunden, dass die meisten Hinterbliebenen resilient auf einen Verlust reagieren. Das bedeutet, sie finden schnell in ein emotionales Gleichgewicht zurück, auch wenn die Verbindung zu den Verstorbenen eng war.

Irrtum 2: Wer keine starken Trauergefühle empfindet, verdrängt seine Emotionen.

Eine Verdrängung von Trauer kommt nach Erkenntnissen der Trauerforschung tatsächlich nur sehr selten, bei bis zu fünf Prozent der Hinterbliebenen, vor. Wenn Menschen wenig trauern, ist das nicht zwangsläufig ein Zeichen dafür, dass sie ihre Gefühle verdrängen oder unterdrücken. Es kann vielmehr einfach ihre persönliche Art sein, mit der Situation umzugehen. Es ist sogar so, dass Menschen, die bewusst positive Momente und “Verschnaufpausen” in ihrer Trauer suchen, dadurch die Gesamtheit des Trauerprozesses erleichtern und beschleunigen. Den Fokus immer wieder auf positive Gefühle zu lenken, kann also zielführend sein.

Irrtum 3: Trauer verläuft in Phasen. 

Diese sehr geläufige Vorstellung geht zurück auf die Phasenmodelle von u.a. Elisabeth Kübler-Ross und und Verena Kast, die mittlerweile widerlegt wurden. Heute wird Trauer nicht mehr in aufeinanderfolgenden Phasen, sondern in Wellenform verstanden: Die schmerzvollen Gefühle kommen und gehen und wechseln sich dabei mit positiven Gefühlen ab, die für die Trauerverarbeitung ebenso förderlich sind. Zu den möglichen Trauergefühlen gehört eine ganze Palette an Emotionen, deren Form, Dauer und Ablauf so individuell ausfallen, dass man nicht von bestimmten Phasen sprechen kann.

Irrtum 4: Trauer muss man aktiv verarbeiten.

Der Begriff der Trauerarbeit geht auf Sigmund Freud zurück. Nach ihm kann die Trauer nur dann bewältigt und abgeschlossen werden, wenn die Hinterbliebenen sich mit ihrem Verlust bewusst und im Detail auseinandersetzen. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten diese Annahme nicht bestätigen. Vermeidung und Ablenkung können sogar Teil eines guten Umgangs mit Trauer sein. Auch hier sind Pauschalisierungen fehl am Platz, es kommt auf den einzelnen Menschen an. Kurzum: Wer ein Bedürfnis spürt, seine Trauer aufzuarbeiten, sollte dem nachgehen. Es ist aber auch nichts Falsches daran, kein solches Bedürfnis zu haben.

Irrtum 5: Trauer hat ein Ende. 

Es ist eine weite verbreitete Vorstellung, dass Trauernde spätestens nach Ablauf des “Trauerjahres” mit ihrem Verlust abgeschlossen haben sollen. Sie sollen “loslassen” und weitermachen. Das Problem dabei: Ein Verlust bleibt ein Verlust. Er geht nicht vorbei. Deshalb kann Trauer unter Umständen ein Lebensthema sein. Tendenziell werden die Trauer-Wellen mit der Zeit aber immer kleiner und die Abstände zwischen ihnen größer. Auf diesem Weg geht es vor allem darum, einen gesunden Umgang mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zu erlernen. Auch Loslassen will man Verstorbene in der Regel nicht. Das muss man aber auch nicht, denn eine Verbindung zu einem Menschen kann auch über den Tod hinaus anhalten, wenn auch in anderer Form.

Quellen und weiterführende Informationen: 

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